From: "Bernd Strangfeld" <bugstrangfeld@web.de>
To: Ernstmeyer <ernstmeyer@earthlink.net>
Subject: Immer_noch_Kröten
Date: Sat, 24 Aug 2019 21:39:21 +0200

Lieber Jochen,
 
ob wohl Aristoteles überhaupt Kröten gekannt hat?
Naja, sie waren ja auch nur der Anlass zum Nachdenken über höhere Dinge.
Ob nun am Ende der Gerechte oder der Ungerechte der Glücklichere ist,
scheint mir ganz unwichtig,  denn es geht doch um die Sache
und nicht um das Befinden des entsprechenden Menschen.
Mir ist allerdings nicht nach derartigen Erwägungen,
denn morgen fahren wir nach Kiel und besteigen abends die Fähre,
die dann am nächsten Tag um 18.00 in Klaipeda ankommt.
Darauf werden wir unser Hotel "Memel" suchen und für 2 Nächte beziehen, 
die Kurische Nehrung besichtigen
(dazu fällt mir immer die düstere Ballade von Agnes Miegel ein,
"Die Frauen von Nidda")
und wiederum am nächsten Tag Richtung Norden ziehen,
das Bernsteinmuseum in Palange begucken und in Kuldiga nächtigen,
dann um die Spitze, einen Nationalpark, ein wenig besehen und begehen,
schließlich bis Riga gelangen, dort 4 Nächte bleiben und u.a.
auch einen Soldatenfriedhof und einige Gedenkstätten
an deutsche Greuel ansehen. 
Irgendwann bald in Tallinn landen, wo wir, wie auch in Riga,
gerade gebucht haben, und danach die Küste  bewundern, usw. .
So ganz genau ist das nicht geplant, aber in den Großstädten
wollten wir doch sicher sein, dass eine herberge auf uns wartet.
Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust,
bei diesem wunderbaren Sommerwetter und all dem Blühen,
den noch zu erwartenden Blüten, unser Anwesen zu verlassen,
aber  aus geschichtlicher Verantwortung
(diesen Ausdruck habe ich gefunden,
um ein wenig von der Motivation zu erklären)
und ein bisschen, weil wir noch fit genug sind und vielleicht
im nächsten Jahr nicht mehr, und überhaupt
um ein bisschen Beweglichkeit zu demonstrieren - kurzum,
jedenfalls fahren wir und hoffen,
in einigen Wochen heil wiederzukehren.

Der Maga Lump sollte für einige Zeit in eine Kröte verwandelt werden, 
um sich so richtig einzufühlen. 
Das wäre überhaupt so oft sehr hilfreich, 
damit die Menschen sich bessern, 
mehr Verständnis erwerben und zu einem friedlicheren Leben befähigt werden. 
In T.H. White's "The Once and Future King" lässt Merlin den jungen Artus 
das Dasein als Fisch und noch als einige andere, 
ihm sonst fremde Lebewesen ausprobieren.
Die Indianer schlugen vor, zwei Monate (oder jedenfalls ähnlich lange) 
in ihren Schuhen zu gehen, zwecks Erwerben von mehr Verständnis. 
Das sind doch gute Ideen, schade, dass man zum Verwirklichen zaubern muss.
Wir haben vorgestern mit einer aus Polen stammenden Freundin 
und vier ihrer fünf Söhne auf der großen Freilichtbühne in Elspe(Sauerland) 
"Winnetou III erlebt, sehr eindrucksvoll mal wieder die echte Landschaft, 
die schönen Pferde, die "echt" gekleideten Indianer, 
die so fabelhaft galoppieren können. 
Etwas düster von Anfang an die Atmosphäre, weil man ja weiß, 
dass die Bösen lügen und dadurch all das Unheil erzeugen, 
an dessen Ende Winnetou, ein zu viel wissendes Mädchen schützend, 
von den Ganoven erschossen wird. 
Immer wieder tränenrührend, obwohl man doch weiß, es ist ja nur Spiel. 
Hat aber eben doch einen zeitlos wahren Kern. 
Und wieder wurde Winnetou ungemein geliebt, 
auch im Zeitalter von Star Wars und anderen neuzeitlichen Erfindungen.

Lieber Jochen, noch ist nicht alles gepackt. 
Ich bin auch sehr missmutig bzw. wütend, weil unser Nachbar, 
seit 4 oder 5 Jahren eingezogen, Russlanddeutscher ohne Naturbeziehung, 
beim Ordnungsamt erreicht hat, dass die große Eiche neben seinem Grundstück, 
städtisch, einen dicken Ast verlieren wird, der sich doch erdreistet, 
über seine Garge zu reichen und  dort Blätter fallen zu lassen.
Ein großes Hoch über dem Baltikum beschert uns dieses Traumwetter. 
Aber die Bäume stöhnen.
Einen wunderschönen Spätsommr wünschen wir Dir!
Deine Gertraud und Bernd.

